Radio W1

Wie der Name meiner Webseite verrät, geht es hier eigentlich hauptsächlich um Fotos aus Würzburg. Für diesen Artikel möchte ich aber eine große Ausnahme machen und statt dessen meine Erinnerungen an den ehemaligen Kult-Sender „Radio W1“ aufleben lassen.

Radio W1 Aufkleber der zweiten von drei Generationen. Dieser dürfte ungefähr aus dem Jahr 1988 stammen.

Radio W1 Aufkleber

Ursprünglich sollte dieser Artikel eigentlich einer werden, der das Thema „Medien in Würzburg“ im allgemeinen behandelt. Im Laufe der Recherche und Schreiberei habe ich aber für mich festgestellt, dass das meiste, was ich schrieb, von Radio W1 handelte. So ist dieser Artikel also überwiegend von einer gewissen „Sentimentalität“ und den Erinnerungen an eine wunderschöne Zeit (die Jugend) geprägt.

Für den Artikel habe ich sehr viele alte Kassetten und Tonbänder abgehört, die ich damals mitgeschnitten hatte (warum auch immer ich das tat – heute freue mich über diese Aufnahmen).

Blick auf den Arbeitsplatz der W1-Moderatoren. Links und rechts sieht man die beiden Plattenspieler, oben mittig ein CD-Player und darunter die drei Sonifex-Cartmaschinen von denen Jingles, Werbespots und andere Elemente abgespielt wurden. Und nicht zu vergessen ist natürlich Moderatorin Uschi Lamertz die hier zu sehen ist.

Blick auf den Arbeitsplatz der W1-Moderatoren.

Als ich W1 damals „entdeckte“ und zu meinem Tagesbegleiter machte, war ich gerade 14 Jahre alt. W1 hat mich seiner Zeit musikalisch nachhaltig geprägt und meinen Berufswunsch („etwas mit Radio machen“) deutlich geformt.

Deswegen möchte ich mich auf dieser Seite also weniger den Programmen von Radio Gong oder Charivari widmen, sondern viel mehr dem „Kult“ aus vergangenen Tagen. Denn Radio W1 war eindeutig das, was man heute landläufig als „kultig“ bezeichnen würde – und so haben es die, die es miterlebt haben, auch immer noch in Erinnerung.

Warum es so war? Der ehemalige Chefredakteur und Moderator Kai Fraass drückte es einst ganz treffend so aus:

„Wir haben anders Radio gemacht, im Vordergrund stand die alternative Musik. Und vor allem haben wir nie AC-Format gespielt, also diesen Mainstream des so genannten „Adult Contemporary“, bei uns hatte jede Musik ihren Raum“. 1) Gunther Schunk, Peter Nossol – „Was war los in Würzburg 1950 – 2000“ – Seite 109 ff.

Privatradio in Würzburg

W1 in der Münzstraße 3

W1 in der Münzstraße 3

Private Radioprogramme gibt es in Würzburg genau seit dem 8. Mai 1987. Damals starteten die drei Sender „Radio Gong Mainland“, „Main-Radio“ und „Radio Würzburg 1“ auf der gemeinsamen UKW-Frequenz 103 MHz. Für gut ein Jahr gab es diese erste „Testphase“, in der sich die drei Sender die Sendezeit über den Tag aufteilten.

Radio W1 hatte ein kleines Studio in der Münzstraße 3, Mainradio befand sich in der Augustinerstraße 15 und Radio Gong Mainland – wie auch heute noch – in der Semmelstraße 15.

Hier mal zum Vergleich: Entscheiden Sie selber, welcher Sender schon damals – 1987 – „cooler“ klang… 😉

Am 4. Juni 1988 endete dann zum Glück das „Frequenz-Sharing“ in Würzburg und alle drei Sender bekamen eine eigene Frequenz. Radio Gong Mainland wechselte auf die 92,1 (heute 106,9), Main-Radio (Umbenennung zu „Radio Charivari“) auf die 97,1 (heute 102,4) und Radio W1 auf die 95,8 (heute die Frequenz von „egoFM“).

Die Musikformate waren zu Anfang sowohl bei Main-Radio als auch bei Radio Gong – wie auch heute – sehr im Mainstream-Bereich angelegt und die Sender spielten ein Format welches als „AC-Format“ bezeichnet wird. AC bedeutet „Adult Contemporary“ – also soviel wie „zeitgemäße Musik für Erwachsene“.

Was ist eigentlich Formatradio?!

Radio W1 war ein Sender, der sich der sog. „progressiven Rockmusik“ verschrieben hatte. Zwar wurden auch dort natürlich aktuelle Titel aus den Charts gespielt, der überwiegende Anteil gehörte aber eindeutig Interpreten wie „Tom Petty“, „The Eagles“, „Lou Reed“, „Dire Straits“, „The Police“, „U2“, „Europe“, „Scorpions“ und ähnlichen. Schon von Anfang an spielte also W1 eher Rockmusik als andere Musikrichtungen! Die ersten zwei Jahre des Lokalradios in Würzburg hatte ich selber aber nur am Rande mitbekommen und war – aufgrund meines Alters – kaum an dem Thema interessiert und habe es wenig gehört. Dies änderte sich schlagartig, als ich 1989 eines Tages das „gläserne Studio“ im Wöhrl-Haus entdeckte, aus dem gesendet wurde.

Mit meinen damals gerade 14 Jahren war es absolut faszinierend, die Moderatoren, die ich eben noch im Radio gehört hatte, nun auch live sehen zu können. Aus diesem Umstand heraus entwickelte ich mich sehr schnell zu einem wahren „Fan“ von W1 und habe dann eigentlich kaum mehr anderes gehört. Regelmäßig stand ich vor der dicken Studioscheibe und war wie von einem „Virus“ befallen, der sich „Radio“ nennt. Mein späterer beruflicher Werdegang hat ganz sicher also genau an dieser Stelle seinen Anfang genommen…

Wie es die Umstände so wollten, fiel meine „Entdeckung“ auch noch in eine für mich wichtige musikalische Zeit in meinem Leben. Den meisten von uns geht es wohl so, dass sie zwischen 12 und 14 Jahren anfangen sich vermehrt für Musik zu interessieren – das war bei mir nicht viel anders. Und so hat W1 seinerzeit auch nachhaltig meinen Musikgeschmack geprägt. Die Titel und Interpreten die ich bei W1 hörte, kannte ich damals natürlich im Großen und Ganzen nicht. Heute sind Interpreten wie Neil Young, Tom Petty oder andere bei W1 gehörte, meine „täglichen Begleiter“ geworden und ich bin ehrlich gesagt dankbar für diese Prägung!

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Lockere Arbeitsatmosphäre in der Redaktion im Wöhrl-Haus. Danke für das Foto an Kai Fraass der hier auch auf dem Bild zu sehen ist.

„Lockere“ Arbeitsatmosphäre in der Redaktion im Wöhrl-Haus.

Radio W1 existierte vom 8. Mai 1987 bis zum 1. Oktober 1992. In diesen gut fünf Jahren wechselte der Sender insgesamt dreimal seine Räumlichkeiten. Die ersten gut zwei Jahre war das Studio in einer kleinen Dachgeschosswohnung in der Münzstraße 3 untergebracht. Dort wurde es offensichtlich schnell zu eng und man nutzte – nachdem der Sender die eigene Frequenz 95,8 zugewiesen bekommen hatte – die Gelegenheit zu einem Umzug in das Modekaufhaus Wöhrl mit der Adresse „Beim Grafeneckart 10“.

Radio W1 - Radio zum Mitmachen für Unterfranken. Handzettel wie diese lagen immer wieder mal vor dem gläsernen Studio im Wöhrl-Haus aus. Auf der Rückseite konnte man an einem Gewinnspiel teilnehmen. Der Flyer war übrigens im Original grünes Papier und ist inzwischen - weit über 20 Jahre danach - entsprechend vergilbt.

Radio W1 – Radio zum Mitmachen für Unterfranken.

Dort wurden die Räumlichkeiten ausgebaut und es entstanden ein großer Redaktionsraum, einige Büros, ein kleineres Produktionsstudio sowie natürlich das Sendestudio. Durch den Neubau der Räumlichkeiten an dieser Stelle ergab sich die Möglichkeit, ein sogenanntes „Gläsernes Studio“ einrichten zu können. Somit konnten alle Hörer jederzeit während der Wöhrl-Öffnungszeiten mit der Rolltreppe in die dritte Etage fahren und den Moderatoren durch eine Glasscheibe bei der Arbeit zusehen. Damit man vor der Scheibe auch etwas mitbekam, waren zwei kleine Lautsprecher angebracht, über die das Programm übertragen wurde.

Bereits 1989 ging es dem Sender zusehends finanziell schlechter und das Programm war kurz davor, aus eben diesen Gründen total eingestellt zu werden, nachdem einer der Mitgesellschafter Konkurs angemeldet hatte. Zu dieser Zeit klebte für einige Zeit sogar der „Kuckuck“ auf der Plattensammlung des Senders. Nachdem auch Mietzahlungen ausstanden, musste sich Radio W1 kurzerhand ein neues Domizil suchen und landete im Juli 1990 in der Ludwigstraße 8a.

Im Hinterhaus der dortigen Pritzel-Wäscherei (wenn man ins Haus rein kam, roch es immer extrem nach Waschmittel) hatte Mitgesellschafter Manfried Prater ein kleines Rundfunkstudio, welches er W1 zur Aufrechterhaltung des Sendebetriebs zur Verfügung stellte und den Sender somit kurzfristig vor dem Untergang bewahrte.

Radio W1 kann man im Rückblick der Geschichte ohne Frage als „Stehaufmännchen“ bezeichnen. Denn nach all den oben beschriebenen Schwierigkeiten schaffte es der Sender tatsächlich, für ein weiteres Jahr zu überleben. Am 17. Oktober 1991 startete ein komplett neues Hitradio-Programm mit überwiegend neuen Moderatoren, die vorher über das „Trend-Magazin“ gecastet und im Studio „Off-Air“ bis zur „Sendetauglichkeit“ getestet und trainiert wurden. Zwar klang W1 ab diesem Tag musikalisch und inhaltlich komplett anders, war aber immer noch alternativ und ziemlich cool.

W1-Aufkleber in der letzten Version. Dieser war auch etwas kleiner als der oben gezeigte erste Aufkleber.

W1-Aufkleber in der letzten Version.

Der „Anfang vom Ende“ kam für W1 im November 1989, als die „W1 GmbH“ – eines der sechs Mitglieder der Anbietergesellschaft – beim Amtsgericht Würzburg einen Vergleich anmeldete, der aber kurz darauf wieder zurückgezogen werden konnte. Schon damals stand zur Debatte, den Sendebetrieb einzustellen.

Überraschend half aber der Arzt und Amtsrichter Dr. Bernd-Jochen Strubel dem Sender sozusagen aus der „Patsche“. Über seine Frau Sigrun war er bereits am W1-Mitanbieter „Freie Welle“ beteiligt. Sigrun Stubel stellte damals die Zahlungsfähigkeit der W1-GmbH wieder her. Gegenüber der Main-Post äußerte Stubel später, dass das Ehepaar „in vier Monaten über 200.000 D-Mark für Honorare und Rechnungen“ übernommen habe. So sei der „zu neun Zehnteln tote“ Sender „wieder zum Leben erweckt“ worden.

Main-Post Artikel vom 06. Juni 1990

Main-Post Artikel vom 06. Juni 1990

Lange sollten die Gelder damals aber nicht ausreichen: Am 5. Juni 1990 meldete die W1 GmbH beim Amtsgericht Würzburg endgültig Konkurs an. Der damalige Geschäftsführer Dieter Frieß begründete dies damit, dass zum 31. Mai 1990 eine Zusage widerrufen worden war, die laufenden Kosten des Sendebetriebs – für den überwiegend die W1 GmbH zuständig war – vorzufinanzieren. Unter diesen Umständen habe man nicht weiterarbeiten können. Die durchweg mittelständischen Anbieter und ihre Geldgeber waren also schlicht und ergreifend nicht mehr in der Lage, die Kosten für den Sendebetrieb zu tragen.

Frieß richtete seinerzeit auch schwere Vorwürfe an die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM). Man hatte in Würzburg „andere Geldgeber“ gefunden, die auch bereit gewesen wären, eine neue W1-Produktionsgesellschaft zu gründen. Dies habe die BLM aber abgelehnt. In diese neue Firma hätte ein Gesellschafter eintreten sollen, der bis dato nicht unter den W1-Anbietern war und daher keine „Lizenz zum senden“ hatte – das wäre gesetzlich nicht zulässig gewesen. 2)“Mitanbieter von Radio W1 meldet Konkurs an“ → Main-Post Artikel vom 6. Juni 1990

Main-Post Artikel aus dem Jahr 1991.

Main-Post Artikel aus dem Jahr 1991.

Dieter Frieß warf bereits zum 31. März 1990 das Handtuch und kündigte seinen Vertrag als Geschäftsführer der W1-Anbietergesellschaft, blieb aber weiterhin Geschäftsführer des Anbieters W1 GmbH. Neben ihm gingen zu diesem Termin auch Chefreakteur Hermann Haupt und der Leiter der Werbeabteilung Peter Lewandowsky. Frieß begründete seinen Schritt damals damit, dass er die „geplante künftige Konzeption des Senders aus Überzeugung nicht mittragen“ könne. Der Etat für die redaktionelle Arbeit sollte weiter reduziert werden, und er glaubte nicht, dass sich der Sender damit auf einem erfolgversprechende Weg befindet und konnte sich damit „nicht identifizieren“. 3)“Geschäftsführer Frieß steigt aus“ → Main-Post Artikel vom 27. März 1990 Wie sich später zeigte, sollte er letztlich damit Recht behalten…

Eine Erinnerung an vergangene Zeiten die seit über 22 Jahren hält. Ein Graffiti in der Bahnunterführung an der Stuttgarter Straße zeigt den Schriftzug "Rettet W1".

Ein Graffiti in der Bahnunterführung an der Stuttgarter Straße zeigt den Schriftzug „Rettet W1“.

Die BLM war damals drauf und dran, W1 komplett dicht zu machen. Sie berief sich dabei auf ein Wirtschaftsgutachten, nachdem drei Radios für Würzburg angeblich zuviel gewesen wären und wollte die angespannte wirtschaftliche Situation nutzen, um für ein Ende zu sorgen. Die Kabelgesellschaft (der lange Arm der BLM in Würzburg) forderte gar zynisch ein „sauberes Ende“ für Radio W1. In Würzburg bekam die Öffentlichkeit damals reichlich von der Situation mit.

Einerseits berichtete die Main-Post immer wieder über die Schwierigkeiten der Medienkollegen, andererseits war da das kleine Groschenheft und Trend-Magazin (vom Mitgesellschafter Manfried Prater), die ausführlich über das Thema berichteten und die „Fans“ des Senders zum Handeln aufriefen. In einer Groschenheft-Ausgabe war zu lesen:

Also: nehmt die Postkarten zur Hand und schreibt an die BLM `Wir brauchen W1`, ‚W1 darf nicht sterben!‘. Ruft den Sender an, zeigt, dass ihr das Programm noch hören wollt, oder lasst euch sonst was einfallen. Phantasie ist gefragt.

Aus dieser Zeit befindet sich heute noch ein Graffiti in einer Bahnunterführung an der Stuttgarter Straße. „Rettet W1“ kann man dort immer noch in roten Lettern lesen.

In Ihrer Sitzung vom 28. Juni 1990 hatte die BLM dann entschieden, dass W1 trotz all der Schwierigkeiten auf Sendung bleiben darf, wenn man ein „tragfähiges wirtschaftliches Konzept“ entwickeln würde – und so sollte es tatsächlich auch kommen!

Funkanalyse von 1990

Radio W1 war laut der Funkanalyse von 1990 das „Meist gehörte Programm“ von allen drei Lokalradios in der Zielgruppe 14 bis 39 Jahre! Bei der Infratest Funkanalyse 1990 wurde die Frage gestellt: „Welchen Sender, welches Programm hören Sie persönlich am meisten?“ In der Altersgruppe 14 bis 29 Jahre lag W1 mit stolzen 14% ganz deutlich vor den anderen beiden Sendern (Gong 8%, Charivari 7%). Auch in der Altersgruppe 14 – 39 Jahre lag W1 noch mit 9% vor Gong (8%) und Charivari (7%).

Das war damals ein Spitzenwert und bedeutete, dass andere Sender Hörer hatten, W1-Hörer aber waren eben Fans! 78% der W1-Hörer waren Fans, die ihrem Radio sehr treu waren und W1 zu ihrem „meist gehörten Sender“ gewählt hatten. Zum Vergleich: Nur 54% der Gong-Hörer und 49% der Charivari-Hörer wählten ihr Programm zum meist gehörten Programm.

Fast auf den Tag genau vier Wochen nach der BLM-Entscheidung – am 6. Juli 1990 – räumte W1 dann das Sendestudio im Wöhrl-Haus. Ausstehende Mietzahlungen führten für den Sender zur Kündigung der Räumlichkeiten. Eigentlich ein absoluter Super-Gau für einen Radiosender! Zu allem Überfluss klebte damals in der Tat der „Kuckuck“ auf der Plattensammlung. Hier eine der letzten Moderationen aus dem Studio im Wöhrl-Haus von Claudia Back.

Main-Post Artikel vom 7. Juli 1990. Am Tag vorher war Sendeschluss im gläsernen Studio im Wöhrl-Haus.

Main-Post Artikel vom 7. Juli 1990.

Nachmittags um 16 Uhr war damals nur noch Rauschen auf der Frequenz 95,8 zu hören. Aber nur für gut fünf Minuten. Dann nämlich war von der Post umgeschaltet worden in das „neue“ Studio in der Ludwigstraße 8a.

Studiobesuch bei Kai Fraass im Sendestudio in der Ludwigstraße. Danke für das Bild an Kai Fraass der hier auch zu sehen ist.

Studiobesuch bei Kai Fraass im Sendestudio in der Ludwigstraße.

Mitgesellschafter Manfried Prater hatte spontan sein eigenes kleines Rundfunkstudio zur Verfügung gestellt um den Sendebetrieb aufrecht zu erhalten. Für die ersten Tage war fortan nur „Nonstop-Music“ vom Tonband zu hören. So lange, bis die eigentliche Sendetechnik im Wöhrl-Haus abgebaut und im neuen Studio wieder aufgebaut war. Auch die Redaktion musste natürlich umziehen. 4)“Beim großen Rauschen wechselte W1 die Frequenz“ → Main-Post Artikel vom 7. Juli 1990

Das Programm „dümpelte“ dann einige Wochen so vor sich hin. Jetzt musste einiges anders werden bei Radio W1, damit das „wirtschaftlich tragfähige Konzept“ auch tatsächlich in die Tat umgesetzt werden konnte. Für W1 war es jetzt unerlässlich, Werbekunden aufzutreiben, die Geld in die leeren Kassen spülen sollten.

Die Idee, die damals die Rettung für den kleinen Sender brachte, hatte man sich aus den USA abgeschaut. Statt nur „normale“ Werbung im Programm zu senden, wurden gleich komplette Sendestunden an 12 regionale Sponsoren verkauft. Es mussten also die „goldenen 12“ gefunden werden, die 12 Stunden Programm im Zusammenschluss tragen sollten.

Es dauerte eine Weile, bis endlich klar war, wer diese sein würden. Als dann aber die Sponsoren endlich gefunden waren, wurde dies On-Air voller Stolz mit folgendem immer wiederkehrenden Spot verkündet. Dafür musste Neil Young mit„Rockin‘ in the free world“ herhalten.

Zum Start des neuen W1-Programms am 17. Oktober 1991 wurden überall in der Stadt Handzettel verteilt mit der Aufschrift: "Jetzt funkt´s anders".

Handzettel: „Jetzt funkt´s anders“.

Mit dabei waren damals unter anderem die Sparkasse Mainfranken, Bono Möbelabholmarkt, Breuninger Top Shop, Teeparadies, Brückenbäck, Wohngesund, Groschenheft und Trendheft, der Zauberberg, die Reinigung I.B. Mahler und einige Weitere. Und so war ab diesem Zeitpunkt zum Beginn einer Sendestunde eben der Hinweis zu hören, welche Kunde nun die folgende Stunde „gekauft“ hatte.

Aber das sollte noch nicht alles sein, was „neu“ war auf der 95,8. Auch das Programm sollte sich bald komplett ändern. W1 wurde vom „Rock ’n‘ Roll Sender“ zu einem modernen Hitradio. Der Startschuss dafür fiel am 17. Oktober 1991 um 6 Uhr.

Für den neuen W1-Sound musste auch das alte Jingle-Paket weichen, da dieses beim besten Willen nicht mehr wirklich zu einem schnellen und „aggressiven“ Hitradio-Format passte. Auch die Station-Voice wurde bei dieser Gelegenheit ausgewechselt und so war statt Bodo Henkel nun John de Graaf die tonangebende Stimme des Senders. Das Ergebnis klang dann wie folgt:

Mit der Programmreform wurde auch der eigentliche Sound der Station verändert. Dazu wurde kräftig am Sendekompressor gedreht, so dass W1 ab diesem Tag deutlich bassiger und vor allem komprimierter klang. Damit sollte eine möglichst hohe Ausgangslautstärke im Radio erreicht werden, was auch gelang. Allerdings war der Nachteil, dass man ein eindeutiges sogenanntes „Pumpen“ des Kompressors hören konnte.

Es half alles nichts: W1 sollte nicht länger auf Sendung bleiben und sowohl finanzielle als auch medienpolitische Gründe führten letztlich am 1. Oktober 1992 zum unweigerlichen Ende des Kults auf der 95,8.

Daran war auch Radio Gong aus dem Funkhaus Würzburg nicht ganz unschuldig. Ohne Genehmigung hatte Gong nämlich das Musikformat gewechselt und war ein Hitradio geworden (neuer Slogan: „Ein Sender – alle Hits. Radio Gong“). Mit diesem Programm hatte man es – wie W1 – auf die Zielgruppe der 14 – 39-jährigen Hörer abgesehen. Weder der Medienrat noch die BLM hatten diesen Formatwechsel damals genehmigt! 5)„Grüne: Würzburger Sender „W1″ wird ausgeblutet“ → Neue Volkacher Zeitung vom 11. Juli 1990 Gong hatte sich also frech und unerlaubt in der Nische von W1 platziert, um die junge Hörerschaft „abzugraben“. Denn genau diese Hörerschicht war es, in der W1 traditionell am erfolgreichsten in Würzburg war. (siehe „Funkanalyse von 1990“ im Abschnitt „Der Anfang vom Ende“)

Zusätzlich war mittlerweile das „Funkhaus Würzburg“ gegründet worden. Radio Charivari war also mit in die Räumlichkeiten von Radio Gong in der Semmelstraße gezogen. Somit konnten beide Sender sehr gut Geld einsparen bei Personal, Mietkosten, Technik und Werbezeitenverkauf und hatten einen erneuten wirtschaftlichen „Vorteil“ gegenüber Radio W1. Genau dieser „Vorteil“ sollte es W1 erst recht schwer machen. Der W1-Geschäftsführer Manfried Prater sagte der Neuen Volkacher Zeitung damals: „W1 gerate immer tiefer in die roten Zahlen, seitdem die beiden anderen Radios kooperieren“. 6)„Grüne: Würzburger Sender „W1″ wird ausgeblutet“ → Neue Volkacher Zeitung vom 11. Juli 1990

Auch der Journalistenverband kritisierte das Funkhauskonzept schon vor seiner Gründung. Nach Ansicht des Verbandes widersprach dies der Zielsetzung des Landesmediengesetzes, die „Meinungsvielfalt zu vergrößern“. „Den Hörern in der Region Würzburg würde dadurch nur noch auf musikalischem Sektor eine Auswahlmöglichkeit geboten“, kritisierte der Verband. Da W1 eine ausreichende Lokalberichterstattung personell und finanziell nicht gewährleisten könne, erhalte das gemeinsame Wortprogramm von Gong und Charivari eine monopolartige Stellung. 7)“Monopolstellung lässt Welle „W1″ keine Chance“ → Main-Post Artikel von 1990 (genaues Datum unbekannt, Artikel liegt vor)

1. Oktober 1992 – der letzte Sendetag

Der letzte Sendetag von Radio W1 war dann nochmal ein wirklich besonderer. Fast alle Moderatoren, die aktuell zur Crew gehörten, hatten an diesem Tag nochmal eine Sendung und – sehr unüblich für ein Hitradio – war es am letzten Tag den Moderatoren überlassen, welche Musik sie spielten.

So war also der letzte Tag nochmal richtig „ehrlich“ und hatte wieder den Charme der Vergangenheit. Die W1-Djs spielten neben ihren „peinlichsten Lieblingsliedern“ auch einfach ihre Lieblingsplatten. Den ganzen Tag über kamen unzählige Faxe in der Redaktion an (Email und Internet gab es ja noch nicht), die immer wieder von den Moderatoren vorgelesen wurden. Alle Hörer – oder besser gesagt, die „Fans“ von W1 – bekundeten ihren Unmut über das nahende Ende. In den Nachrichten wurde stündlich darauf hingewiesen, dass am Abend Sendeschluss sein würde.

Um Punkt 20 Uhr war es dann soweit. Zu diesem Moment lief das erste Mal die legendäre Endlosschleife an, die Moderator und W1-Urgestein Kai Fraass eigens für das „dicke Ende“ von W1 produziert hatte. Die W1-Frequenz 95,8 blieb noch ganze drei Wochen offen stehen und viele Würzburger hatten vielleicht wirklich die Hoffnung, dass es doch nochmal weitergehen würde (mich eingeschlossen). In dieser Zeit lief rund um die Uhr – Tag und Nacht – die Endlosschleife mit der Absage von Kai und dem Titel „The End“ von den „Doors“ und wurde wiederum zum Kult in Würzburg. In einigen Kneipen der Stadt lief damals teilweise wirklich nichts anders mehr…

Und hier schließt sich der Kreis: W1 hatte eben keine Hörer, sondern W1 hatte Fans!

Alle, die diesen Artikel nun gelesen und das Ende von W1 damals „verpasst“ haben, können es hier nun noch einmal mit den folgenden beiden Audioplayern „erleben“. Moderator der letzten W1-Sendung war Armin Clauß.

Wirklich schwer zu ertragen war dann das, was nach W1 auf der 95,8 folgte – es war schlicht und ergreifend der krasse Gegensatz! Denn nach dieser Zeit startete „Radio Melodie“ aus München mit einem 24-Stunden-Hardcore-Volksmusikprogramm. Interpreten wie die „Kastelruther Spatzen“ oder „Marianne und Michael“ waren jetzt angesagt. Erstaunlicherweise hielt sich der Sender bis zum 31. März 2008 und wurde dann eingestellt.

Heute sendet auf der Frequenz 95,8 das private Jugendradio „Ego-FM“ aus München und klingt dabei für meinen Geschmack gar nicht mal so schlecht. Allerdings ist die einzige Gemeinsamkeit mit W1 vielleicht, dass auch Ego-FM keine Mainstream-Musik spielt – das war es dann aber auch mit den Gemeinsamkeiten.

Ehemalige W1-Mitarbeiter (Moderatoren) und was aus ihnen wurde (soweit bekannt)

1987 – 1991

Claudia Back

Boris Eichler

Chefredakteur Kai Fraass

Jörg Fierlings

Dieter Frieß

Kaya Gök (†)

Hermann Haupt (†)

Wolfgang Heuer

Uschi Lamertz

Sam Raabe

Karin Rodegra

Kay Rodegra

Marcus Schiller

Weitere ehemalige Moderatoren:

Philipp Hampl, Peter Salinger,

1991 – 1992

Armin Clauß

Michael Daut

Hugo Gündling

Diana Komianos

Marko Lutz

Manfried Prater

Uli Reisch

Holger Richter

Birgit Süß

Jürgen Gläser

Jürgen Wachter

Weitere ehemalige Moderatoren:

Holger Edel, Achim Roth, York Thomsen, Bernd Scheiter, Götz Schmiedehausen

Ja, es ist verdammt lange her, dass W1 „On Air“ war und mich als Hörer täglich durch den Tag gebracht hat. Und eigentlich hatte ich beim besten Willen nicht mehr damit gerechnet, dass ich tatsächlich noch Bilder von damals auftreiben würde. Wie es der Zufall aber so wollte, stolperte der ehemalige W1-Moderator Jörg Fierlings über diese Seite und schrieb mich an.

In einem Telefongespräch erzählte er mir dann später, dass er seinerzeit viele Fotos für W1 gemacht hat und vielleicht sogar noch ein paar Original-Tonbänder „irgendwo im Keller“ hat.

So trafen wir uns also einige Wochen später in Würzburg und er übergab mir zwei Packungen mit Fotos und ein großes Tonband von damals… Inwiefern ich die Audioaufnahmen hier einfließen lassen werde, weiß ich aktuell noch nicht – für die Bilder hat sich auf alle Fälle schon mal ein schönes Plätzchen gefunden! Alle hier gezeigten Bilder stammen aus der Zeit zwischen 1988 und 1990, als sich W1 noch mit seinem „gläsernen Studio“ im Wöhrl-Haus befand. Toll! Vielen Dank Jörg für die damit weiter lebendig gewordenen Erinnerungen!

Hat noch jemand Fotos oder irgendwelche „Erinnerungsstücke“ von damals? Schreibt mir einfach!

W1-Events und was sonst noch so war…

Bis 1991

So sah das W1-Programm von Montag bis Freitag aus.

05.30 – 09.00 Uhr

W1 Radiowecker

Lokalrückblick, Presseschau, Verkehrsfunk zu jeder halben Stunde, Interviews.

09.00 – 10.00 Uhr W1 Nonstop-Music
10.00 – 12.00 Uhr

W1 Shopping

Verbrauchertipps, Informationen für die Hausfrau

 
12.00 – 14.00 Uhr

W1 Würzburg aktuell

Ausführliche Nachrichten, Berichte aus Bonn und der Welt

14.00 – 16.00 Uhr

Wie es Euch gefällt

Wunschsendung

 

16.00 – 19.00 Uhr

W1 Ticker-Time

Nachrichten und Berichte aus nah und fern

 
19.00 – 20.00 Uhr W1 Nonstop-Music siehe oben
20.00 – 22-00 Uhr

W1 Spezial

Kulturberichte, Konzerte usw.

 
22.00 – 00.30 Uhr W1 Night-Train  
00.30 – 05.30 Uhr W1 Nonstop-Music siehe oben

Am Wochenende gab es weitere Sendungen, deren Titel mit aber heute nicht mehr alle geläufig sind. Erinnern kann ich mich aber noch an das „W1 Weekend Radio“ am Samstag. Sonntags liefen am Vormittag „W1 Glaube aktuell“ (kirchliches Programm der Freien Evangelischen Gemeinde) und „W1 Blue Notes“ (Jazz Frühschoppen der Jazz ini Würzburg). Am Nachmittag wurden der „Sunday Express“ und „Lazy Sunday“ sowie die „W1 Powerstation“ gesendet. Am Sonntagabend die „Schmuse-Muse“ mit Musik zum Kuscheln und Träumen. Außerdem gab es noch Sendungen wie „W1-Extra“ und „Musik Spezial“.

Nicht zu vergessen ist natürlich auch die legendäre „Freak-Show“ am Sonntagabend mit Charly Heidenreich unter dem Motto „Rock zwischen Kitsch und Kunst“.

1991 – 1992

Mit der Programmreform zum Hitradio änderten sich auch die Sendungstitel, und die moderierte Sendezeit wurde zu Anfang auf 12 Stunden reduziert, später wieder auf 14 Stunden erweitert. Anstatt wie früher „Nonstop-Music“ vom Tonband wurde nun „Star*Sat Radio“ aus München per Satellit im Abend- und Nachtprogramm übernommen. Star Sat war 1988 der erste Satelliten- und Kabelsender in Deutschland und sendete fast ausschließlich Musik und sehr wenige moderierte Sendungen sowie stündliche Nachrichten.

Auch Star*Sat Radio ereilte viele Jahre später das gleiche Schicksal wie Radio W1. Das Programm wurde zum 30. September 2008 überraschend eingestellt. Inzwischen gibt es ein neues Star*Sat Radio aus Berlin. Dies hat aber mit dem eigentlichen Programm von damals nichts mehr zu tun. Die neuen Betreiber des Senders haben lediglich die Namensrechte erworben und machen nun ein Programm unter dem Motto „Die Hits der 80er und die beste Musik von heute“ (auch sehr einfallsreich… 😉 )

Was damals auch neu war bei W1, war mit dem „W1-Rap“ – von und mit Moderatorin Diana Komianos – ein eigener „Station-Song“. Ich weiß heute nicht mehr, wer damals den Anfang gemacht hat. Ob es Radio Gong mit dem „Gong Song“ war, der auch auf Schallplatte veröffentlicht wurde, oder eben W1. Der W1-Rap war aber definitiv cooler und auch vom Text her um einiges „härter“…

W1 Impressum

W1 Nachrichten

Promos & Trailer

Musikbetten

W1 Airport Mastermix

W1 Nonstop-Music

W1 Radiowerbung

Bis zur Programmreform zum Hitradio war Bodo Henkel die sogenannte „Stationvoice“ von Radio W1 – also die Stimme, die in den immer wiederkehrenden „Jingles“ (= Erkennungsmusik / Stationskennung) eines Senders vorkommt. Radio W1 hatte damals – im Vergleich zu den anderen Sendern – mit Bodo Henkel definitiv die beste Stationvoice der Stadt. Der große Unterschied zu den anderen Stationen war auch die Tatsache, dass die Slogans des Senders zu großen Teilen in Englisch von Bodo Henkel eingesprochen wurden.

Warum dies passierte, weiß ich bis heute nicht. Ich vermute aber, dass man sich einfach von den anderen Sendern deutlich unterscheiden wollte. Möglicherweise wollte man als Sender aber auch für die damals in Würzburg stationierten Amerikaner attraktiv wirken und ein Gegenstück zum AFN (American Forces Network = der Radiosender der Amerikaner, der auf UKW 104,9 in Würzburg sendete) bieten. Vielleicht ist die Erklärung aber noch viel einfacher: Ein Slogan in Englisch klingt einfach „cooler“, wie man in dieser kleinen Collage hören kann.

Für den Weltrekordversuch „Top-2000-Y“ wurden letztmals extra neue Jingles von Bodo eingesprochen und einige wenige neue Musikunterlagen (sog. Musikbetten) produziert. Nachdem die Hitparade aber aus rechtlichen Gründen kurzfristig von „Top 2000-Y“ in „Top 2000“ (also ohne „Y“) umbenannt werden musste, war es auch nötig, die Jingles umzuschneiden. Wenn man also den folgenden Jingle genau anhört, bemerkt man den Schnitt nach dem Wort „Top 2000“ – das „Y“ wurde entfernt.

Radio W1 gibt es bekanntlich seit dem Jahr 1992 nicht mehr im Radio. Allerdings hat der ehemalige Chefredakteur Kai Fraass W1 im Internet wieder aufleben lassen. Nach wie vor ziemlich erfolgreich – wie er mir sagte – läuft das Programm bei „laut.fm“ und kann dort 24-Stunden täglich gehört werden. Natürlich ist es nicht wirklich zu vergleichen mit damals, zumal es auch keine Moderation gibt. Aber es ist immerhin etwas!

Für alle, die diesen Artikel lesen, stellen sich sicherlich die ein oder anderen Fragen, die ich hier gerne beantworten möchte:

Woher stammen die Audiofiles?

Bearbeitung der Audiofiles

Technische Ausrüstung

Quellenangaben   [ + ]

Ein Kommentar

  1. Gerhard Büchs

    Radio W1 war für mich der beste Radiosender aus Würzburg

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