Brutalismus in Würzburg

Nicht nur in Würzburg oder Deutschland, sondern weltweit findet man in fast jeder Stadt Bauwerke des Brutalismus. Dieser Architekturstil der Moderne ist dabei von je her mehr als umstritten. Viele Menschen sehen in diesen Bauwerken einfach nur hässliche „Schandflecken“ oder „Bausünden“ aus einer anderen Zeit. Im wahrsten Sinne des Wortes Brutale und manchmal auch einschüchternde Bauwerke. Vielerorts mag das sicherlich ohne Zweifel zutreffen. Man kann diesen „Betonmonstern“ aber auch positive Gesichtspunkte abgewinnen.

St. Andreas aus dem Jahr 1967 im Stadtteil Sanderau
St. Andreas aus dem Jahr 1967 im Stadtteil Sanderau

Persönlich bin ich mehr als gespalten was das Thema anbetrifft. Einerseits finde ich die klotzige Bauweise, ohne vordergründig erkennbare Raffinessen, mitunter abschreckend und geschmacklos. Bauten wie die weiter unten gezeigte Kirche St. Andreas, stehen auf den ersten Blick wie ein „Fremdkörper“ in der Landschaft. Diese großen und groben Auffälligkeiten, vornehmlich aus den 1960er und 70er Jahren, verzichten auf Putz und Farbe und zeigen sich so gesehen ehrlich und direkt. Ausgefallene Formen und dramatische Linien sind hier die Wahl des Handwerks.

Einer dieser positiven Gesichtspunkte ist die grundsätzliche Eigenschaft, dass hier die Funktion die Form bestimmt, und nicht – wie sonst üblich – umgekehrt. Das bedeutet im Klartext, dass Gebäude dieser Epoche in der Regel Zweckbauten sind, die diesen Titel verdienen. Sie folgen einem Zweck und erfüllen ihn kompromisslos – mehr aber auch nicht. Es gibt keine „Schnörksel“ und nichts wird versteckt.

Was ist Brutalismus?

Der Begriff wurde 1953 von der britischen Architektin Alison Smithson geprägt und durch Reyner Banham im Dezember 1955 mit einem Aufsatz in der Architectural Review lanciert. Er verweist dabei auch auf den durch Le Corbusier (siehe weiter unten) gesetzten Begriff béton brut, wörtlich ‚roher Beton‘, dem französischen Ausdruck für Sichtbeton. Trotz der Betonung des Betons erlaubt der Stil auch andere Materialien wie Metall, Ziegel oder Stein.

Als erster brutalistischer Bau gilt die Schule in Hunstanton von Alison und Peter Smithson (1949–1954), auch Bauten von Le Corbusier, vor allem das Kloster Sainte-Marie de la Tourette bei Éveux-sur-l’Arbresle und die Unité d’Habitations in Marseille, Firminy, Berlin und Nantes waren für den Brutalismus richtungsweisend.

Der Brutalismus setzte sich in den 1960er Jahren durch und blieb präsent bis in die 1980er Jahre. Der Baustil geriet ab dann vielfach in Verruf; erst Anfang des 21. Jahrhunderts begann eine Phase der Wiederentdeckung, insbesondere angesichts von Abrissen oder entstellender Umbauten. 1)Mit Material aus dem Wikipedia Artikel zum Thema Brutalismus –> Abgerufen am 08.11.2017

Brutalismus in Würzburg

In Würzburg gibt es einige „gute“ Beispiele für Brutalismus. Zu finden sind diese aber bei weitem nicht nur in den Stadtteilen Heuchelhof oder Lindleinsmühle die in den 1960er und 1970er Jahren geplant wurden und entstanden sind. Auch in anderen Stadtteilen und mitten in der Stadt befinden sich derartige „Betonklötze“ die heute gerne als „Bausünde“ bezeichnet werden.

Modernisieren oder abreißen?

An vielen Gebäuden aus der Hochzeit des Brutalismus nagt rund 50 – 60 Jahre nach der Erbauung ganz deutlich der Zahn der Zeit. Und so ist es nicht verwunderlich, dass manche Gebäude abgerissen oder modernisiert werden müssen. Ein gutes Beispiel ist der einst perfekt brutalistische Wohnhausbau in der Huttenstraße im Stadtteil Sanderau. Die Bilder zeigen den Vergleich vorher und nachher (2021).

Huttenstraße, Stadtteil Sanderau
Huttenstraße, Stadtteil Sanderau
Gebäude nach der Sanierung
Quellenbach-Parkhaus bei Nach im Jahr 2012.
Quellenbach-Parkhaus 2012

Für andere Gebäude aus dieser Zeit kommt jede Hilfe (sofern überhaupt gewollt) zu spät! Bestes Beispiel ist das 1973 erbaute „Parkhaus am Quellenbach“ in direkter Nähe zum Würzburger Hauptbahnhof. Jahre lang hat man das Gebäude förmlich verrotten lassen. Spötter bezeichnen den Bau wegen der strengen Gerüche im Eingangsbereich schon seit langem als „größtes öffentliches WC der Stadt“. An allen Ecken und Enden kommen die Stahlträger zum Vorschein. Es sieht so aus, als hat hier der viel gefürchtete „Betonkrebs“ ganze Arbeit geleistet.

Im Juli 2021 wurden die Fenster aus den Auffahrtrampen entfernt und das Parkhaus wegen „gesundheitsgefährdender Mängel“ geschlossen, inklusive der 337 jetzt fehlenden Stellplätze. Wann der Abriss folgt, steht noch nicht fest. Fakt ist aber, dass an dieser Stelle in absehbarer Zeit ein Parkhausneubau entstehen soll.

St. Andreas als Paradebeispiel

Die katholische Kirche St. Andreas im Stadtteil Sanderau ist förmlich ein Paradebeispiel für das Thema Brutalismus. Die quadratische Anlage aus Sichtbeton mit schrägem Pyramidendach wurde im Jahr 1967 erbaut. Das Kirchenschiff hat die Form einer Pyramide, die das Zelt Gottes unter den Menschen symbolisieren soll. Architekt war der in Würzburg geborene Lothar Schlör aus München, der auch die Kirche St. Jakobus der Ältere im Stadtteil Versbach geschaffen hat.

So „klobig“ und „einfach“ diese Kirche von außen wirken mag, eröffnet sie erst beim Blick in das Innere ihre herausragenden Eigenschaften. Durch die Dachkonstruktion als Pyramide mit Lichtschlitzen, ergibt sich an vielen Stellen und abhängig vom Stand der Sonne ein ganz besonderer, teilweise nahezu mystischer Lichteinfall. Die Akustik ist trotz des glatten Betons wider erwartend nicht von einem großen Nachhall geprägt. Persönlich empfinde ich den Innenraum sehr solide und von daher weniger einschüchternd als vertrauenerweckend. Aber wie so oft beim Thema Architektur: Die Geschmäcker sind vollkommen verschieden und jeder Besucher wird einen anderen Eindruck haben. Man muss sich auf alle Fälle – vor allem bei diesem Gebäude – auf die Architektur einlassen und sie akzeptieren um Gefallen daran finden zu können.

Brutalismus im TV

Diverse Fernsehbeiträge – vornehmlich aus dem Bereich Kultur – berichten über das Thema Brutalismus. So zum Beispiel auch das NDR Kulturjournal im Juni 2021 mit einer ausführlichen Reportage unter dem Motto: „Hässlich oder schützenswert“.

Wenige Tage nachdem ich diesen Beitrag zufällig im Fernsehen sah, war ich genau so zufällig zu Besuch in Hamburg. Inspiriert von den Bildern aus dem Beitrag, wollte ich es mir selber ansehen und habe festgestellt, dass es in Hamburg zwei offensichtlich fast baugleiche Parkhäuser dieser Art gibt (davon war im Fernsehbeitrag nicht die Rede). Zum Einen das im TV-Beitrag gezeigte Haus am Rödingsmarkt, und zum Anderen das von mir besuchte Gebäude in der Großen Reichenstraße. Der einzige Unterschied ist die Dachkonstruktion. Am Rödingsmarkt verfügt das Dach über eine Kuppel aus Beton mit punktförmigen Lichteinlässen. Auf meinem Bild sieht man die Dachkonstruktion als Speichen mit Klarglaseinlagen. Vor Ort war ich etwas irritiert, da ich es im Fernsehen ja anders gesehen hatte. Und so habe ich dann den Innenraum in der Großen Reichenstraße gefilmt und fotografiert. Und was soll ich sagen: Ich persönlich fand und finde beide Häuser sehr beeindruckend…

Wer noch tiefer in das Thema Brutalismus einsteigen möchte, dem empfehle ich den Film Le Corbusier – Das „Couvent De La Tourette“ aus der ARTE-Reihe „Baukunst“.

Brutalismus weltweit

Wikipedia zeigt in einem Extra-Artikel brutalistische Bauwerke und ihre genauen Funktionen sowie Standort weltweit.

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Quellenangaben[+]

Ein Kommentar

  1. Ich bin durch Würzburg Fotos tatsächlich immer mehr zum Fan des Brutalismus geworden: Ehrlichkeit und Funktionalität in Verbindung mit seiner Kompromisslosigkeit machen mir den Brutalismus als Stil sympathisch. Wenn ich es mir finanziell leisten könnte ein Haus zu bauen, würde ich mittlerweile den brutalistischen Stil bevorzugen. Dass ich mit meiner Meinung offenbar nicht allein stehe, kann man auch an den derzeit angesagten Möbeln in Betonoptik erkennen, welche obendrein im wahrsten Sinn des Wortes klare Kante zeigen. Übrigens: vor allem in den 1990er Jahren fuhren viele Silo-Lastzüge auf den Straßen mit dem Slogan: „Beton – es kommt darauf an, was wir daraus machen“. Treffender kann man es nicht bezeichnen. Beton hat seine ganz eigene Schönheit – wenn auch eine sehr kühle.

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