Zerstörung von Würzburg
Zerstörung von Würzburg

Zerstörung von Würzburg

Der 16. März 1945 kann ohne Frage als der schwärzeste Tag in der über 1300 Jahre andauernden Geschichte der Stadt Würzburg angesehen werden. In nur 20 Minuten wurde an diesem Tag unsere Stadt durch einen alliierten Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt. Rund 5.000 Menschen kamen dabei ums Leben, die Würzburger Innenstadt wurde zu über 90% zerstört.

Würzburg 1945 nach einer farbigen dokumentarischen Zeichnung von Wilhelm Greiner.
Würzburg 1945 nach einer farbigen dokumentarischen Zeichnung von Wilhelm Greiner.

Dieser Artikel befasst sich mit der Vorgeschichte (Nationalsozialismus in Würzburg), den Geschehnissen am 16. März und den Auswirkungen, die bis heute noch sichtbar sind.

16. März 2024

Auch in diesem Jahr war ich wieder für einen Livestream beim Mahnläuten am 16. März in der Würzburger Innenstadt dabei.

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Die Vorgeschichte – Nationalsozialismus in Würzburg

Bei der Reichstagswahl im März 1933 erreichte die NSDAP in Würzburg bereits 31% der Stimmen. Die katholische Bayerische Volkspartei lag bei 36%. Nach der Übernahme der Regierung durch die NSDAP in Berlin und München folgte in Würzburg die „Gleichschaltung“, das heißt, die Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat wurden denen im Reich angepasst, bis ab Ende August 1933 nur noch „Parteigenossen“ in dem nun erheblich verkleinerten Gremium saßen. Seit dem Erlass der Deutschen Gemeindeordnung von 1935 hatte der Stadtrat nur mehr eine „beratende“ Funktion. Der Oberbürgermeister alleine traf jetzt in Abstimmung mit der Partei alle politischen Entscheidungen („Führerprinzip“).

„Würzburger Totentanz” von Wolfgang Lenz aus dem Jahr 1970.
Das berühmte Gemälde von Wolfgang Lenz zeigt die skelettierten Brückenheiligen vor der zerstörten Stadt.

Mit Gewalt übernahmen die Nationalsozialisten im März 1933 alle wichtigen Positionen. Die SA besetzte wichtige Gebäude. Politische Gegner, besonders Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten, selbst Stadträte, wurden verhaftet und in „wilden“ KZs auf der Festung Marienberg und in der Stadt gefangen gehalten, Bücher wurden verbrannt.

Der demokratisch gewählte liberale Oberbürgermeister Hans Löffler trat unter massivem Druck zurück und Theo Memmel wurde neuer NSDAP-Oberbürgermeister. Zudem wurden als sichtbares Zeichen der „Machtergreifung“ zahlreiche Straßen im Stadtgebiet umbenannt. Aus der heutigen Theaterstraße wurde so z. B. die „Adolf Hitler Straße“.

Am 11. März und dann – wie in ganz Deutschland – am 1. April 1933 kam es zu sogenannten „Boykottaktionen“ gegen Juden, vor allem aber gegen Geschäfte, Praxen und Anwaltskanzleien. Zentrale Einrichtungen der Kirche wurden zudem mehrfach gewaltsam besetzt und durchsucht.

Wie überall im Reich durchdrang die NSDAP mit ihren Untergliederungen, vor allem durch die Ortsgruppenorganisation bis hinunter auf die Ebene einzelner Häuserblocks („Blockwarte“), alle Bereiche des sozialen Lebens. Würzburg wurde zur „Gauhauptstadt“ und der Sitz zahlreicher NS-Einrichtungen. Im November 1941 begann die Deportation der noch verbliebenen Juden, 1943 die der Sinti.

16. März 1945 – Würzburgs schwärzester Tag

Würzburg nach der Zerstörung im Jahr 1945
Würzburg nach der Zerstörung im Jahr 1945

Der 16. März 1945 soll ein sehr schöner, milder und wolkenloser Frühlingstag gewesen sein. Es war so warm, dass man bereits Kleider und kurze Hosen tragen konnte. Dass an diesem Abend die totale Zerstörung über Würzburg kommen würde, konnte keiner wirklich ahnen. Die Würzburger glaubten sogar, „das Schlimmste“ hinter sich zu haben. Denn der Status als „Lazarettstadt“ und die nicht verstummen wollenden Gerüchte, der britische Premierminister Winston Churchill habe selbst an der traditionsreichen Universität in Würzburg studiert, verbreiteten die Hoffnung, die Stadt werde bewusst verschont. Würzburg hatte außerdem keine kriegswichtige Industrie.

Trotzdem wurden von der Stadt damals intensive Vorbereitungen für einen eventuellen Luftangriff getroffen. So wurden z.B. in Richtung Main Durchbrüche angelegt, um der Bevölkerung im Falle eines Falles eine schnelle Flucht aus der engen Innenstadt zu erlauben.

Blick über die zerstörte Domstraße zur Festung. (Foto: Stadtarchiv Würzburg)
Blick über die zerstörte Domstraße zur Festung.

Tatsächlich wurde Würzburg am 4. und 5. Februar 1945 Ziel einiger „Independent Night Operations“ vereinzelter Bomber, die allerdings verhältnismäßig wenig Schaden anrichteten. Drei Tage später, am 8. Februar, tauchte die Stadt erstmals als „Industrielles Ausweichziel“ auf einer angloamerikanischen Zielliste auf. So wurden die Stadt und ihre Bahnanlagen am 23. Februar bzw. 3. März 1945 Ziele größerer alliierter Angriffe 1)Informationen von www.wege-der-erinnerung.de (Webseite existiert nicht mehr). Insgesamt gab es vor dem 16. März 334 Bombenalarme, die bereits über 400 Würzburgern das Leben gekostet hatten.

Für diesen Abend hatten die Generäle der alliierten Streitkräfte aber anders entschieden. Zwischen 17 und 18 Uhr starteten unter dem Kommando von Sir Ralph Cochranean in England 236 Flugzeuge der „Royal Air Force“ – darunter elf „Mosquito-Jagdbomber“ und 225 schwere „Lancaster-Bomber“ – zu ihrem vernichtenden Auftrag in Richtung Würzburg. Die No. 5 Bomber Group, dazu die Bomber Groups No. 1 und No. 8 sammelten sich bei Reading, nordöstlich von London: insgesamt mehr als 500 todbringende Flugzeuge waren es. Die No. 5 Bomber Group galt als das erfahrenste und präziseste Geschwader im Luftkrieg gegen Deutschland – eine Elitestaffel. Sie bombardierte Heilbronn, Darmstadt, Königsberg, Braunschweig, München und Kassel. Am 13. Februar 1945 führten sie den fürchterlichen ersten Schlag gegen Dresden (YouTube Video).

Das Grab am Main (Foto: Stadtarchiv Würzburg)
Das Grab am Main

Für Würzburg hatten sie Bomben mit einem Gesamtgewicht von rund 1.000 Tonnen an Bord – bestehend aus Markierungs-, Spreng- und Brandbomben. Gegen 19 Uhr wurde bereits öffentliche Luftwarnung und gegen 20 Uhr Vollalarm für die Stadt ausgelöst. Aufgrund einer Meldung des Funk-Horch-Dienstes in Limburg an der Lahn an die Befehlsstelle des Mainfränkischen Gauleiters wurde die Würzburger Bevölkerung um 21:07 Uhr über Radio zur äußersten Vorsicht aufgefordert und von dem höchstwahrscheinlich bevorstehenden Angriff in Kenntnis gesetzt.

Mit dem Abwurf der ersten Markierungsbomben um 21:25 Uhr begann der Angriff auf die Stadt. Anschließend wurden 256 schwere Sprengbomben mit einem Gesamtgewicht von 395,5 Tonnen abgeworfen, um die Dächer, Fenster und Türen der Häuser zu zerstören. Das war sozusagen die „Vorbereitung“ für die genau 307.650 nachfolgenden sogenannten „Stabbrandbomben“. Damit wurde Würzburg dann endgültig zum „Grab am Main“. Der Stadtteil Zellerau blieb hingegen verschont, weil es westlich des abgesteckten Zielraums lag.

Das Vorher-Nachher-Bild zeigt das Bürgerspital in der Theaterstraße nach dem Angriff und heute im Vergleich. Bewegen Sie einfach den Anfasser im Bild hin und her, um den Vergleich sichtbar zu machen.

Nahezu unbehelligt von deutscher Flugabwehr und Jägern der Luftwaffe erreichte der Flugzeugverband Würzburg. Zwischen 21.25 Uhr und 21.42 Uhr – also in nicht einmal 20 Minuten – tötete diese „Fracht“ rund 5.000 Menschen und verwandelte die Stadt zu Staub und Asche. Zerstört wurden 68% der äußeren Stadtgebiete und 90% der Würzburger Innenstadt. Nur sieben Häuser in der Juliuspromenade und ein Haus in der Büttnergasse überstanden den Angriff unversehrt. Die Flammen entwickelten in den damals engen Gassen eine Hitze von bis zu 2.000° C. Es entstanden orkanartige, glühend heiße Stürme, die den Sauerstoff zum Atmen nahmen. Viele Menschen wurden in den meist provisorisch eingerichteten Luftschutzräumen (es gab nur wenige richtige Bunker in der Stadt) verschüttet, von Trümmern erschlagen oder verbrannten bei lebendigem Leib in der Flammenhölle.

Laut Augenzeugen, die in einer Sendung des Bayerischen Rundfunks zu Wort kamen, konnte man in jener Nacht in ganz Unterfranken, im nahen Baden Württemberg und sogar im entfernten Thüringen das brennende Würzburg am Horizont sehen. Den roten Feuerschein am Himmel, die Rauchsäulen am Tag danach oder Papierfetzen, die bis nach Gemünden flogen.

Bombardierungen von Würzburg

Auf die Stadt gab es im Laufe des zweiten Weltkriegs mehrere Angriffe. Der alles Vernichtende folgte wenige Wochen vor Kriegsende am 16. März 1945 – heute der Gedenktag von Würzburg.

  • 21. Februar 1942 – Frauenland
  • 21. Juli 1944 – Nikolaus- und Mergentheimer Straße
  • 4. Februar 1945 – Löwenbrücke
  • 5. Februar 1945 – Stadtmitte und Grombühl
  • 12. Februar 1945 – Außerhalb der Stadtgrenzen
  • 19. Februar 1945 – im gesamten Stadtgebiet
  • 23. Februar 1945 – Hauptbahnhof und Umgebung
  • 3. März 1945 – im gesamten Stadtgebiet
  • 16. März 1945 – Stadtgebiet zu über 90% zerstört
  • 31. März 1945 – Zellerau und Unterdürrbach
Würzburg nach der Zerstörung (Foto: Stadtarchiv Würzburg)
Würzburg nach der Zerstörung

Gerüchte um die Zerstörung Würzburgs

Schon während des Krieges gab es allerhand Gerüchte, die besagten, dass Würzburg aus verschiedenen Gründen nicht angegriffen werden würde (siehe oben). Bis in den Januar 1945 war Würzburg zudem eine völlig intakte Stadt. Bis auf den 21. Juni 1944: Feindliche Flieger hatten bei Tag die Kugellagerstadt Schweinfurt bombardiert, als sich plötzlich ein kleiner Verband von etwa acht Maschinen von Osten her der Stadt näherte und mindestens 50 schwere Bomben auf das Stadtgebiet zwischen Löwenbrücke und Nikolausweg abwarf. 42 Menschen kamen dabei ums Leben.

Es war trotz des pausenlosen Luftkrieges gegen deutsche Städte länger als ein halbes Jahr die einzige Bekanntschaft der Stadt am Main mit den todbringenden Bombern der alliierten Streitkräfte. Und so begannen wahrscheinlich auch Legenden zu entstehen, Würzburg werde von Bomben verschont bleiben. Einmal hieß es, einen vernichtenden Luftangriff werde es nicht geben, weil „neutrale Kommissionen die Würzburger Kulturgüter unter ihren Schutz gestellt hätten“.

Luftaufnahme der Innenstadt des zerstörten Würzburgs im Herbst 1945, von Osten fotografiert. (Quelle: USAAF)
Luftaufnahme der Innenstadt des zerstörten Würzburgs im Herbst 1945, von Osten fotografiert. (Quelle: USAAF)

Dann wurde allen Ernstes das Gerücht in die Welt gesetzt, der britische Premierminister Winston Churchill habe in Würzburg studiert, sei gar ein Freund von Bischof Matthias Ehrenfried und habe deshalb den Befehl gegeben, dass die Stadt nicht angegriffen werden dürfe.

Eine gewisse Glaubwürdigkeit haftet jenem Gerücht an, die Engländer hätten zugesagt, Würzburg als „Lazarettstadt“ zu respektieren. Tatsächlich gab es in den Kliniken und Schulen zahlreiche Lazarette zu dieser Zeit. Doch für den Luftkrieg hatte die „Haager Landkriegsordnung“ keine Gültigkeit.

Zwei weitere Legenden, die sich nach dem Krieg lange hartnäckig halten, wollen davon wissen, Würzburg sei vom Britischen Rundfunk vor dem Angriff am 16. März 1945 gewarnt worden, und der damalige Nazi-Gauleiter Otto Hellmuth habe es unmittelbar vor der Bombardierung im betrunkenen Zustand abgelehnt, Würzburg durch eine Erklärung zur „offenen Stadt“ im letzten Augenblick noch zu retten. Doch es gibt keinen Beweis dafür, dass der Londoner Sender einige Tage vor dem Angriff gemeldet haben soll: „Mozartfreunde, wir bringen am 16. eine Sinfonie von Mozart!“.

Möglich, dass es eine der zahlreichen verschlüsselten Botschaften für im Restreich operierende alliierte Agenten war. Erwiesen ist dagegen, dass es in einem Rundfunkkommentar vom Februar 1945 hieß, „die britische Luftwaffe werde auch noch die bisher verschont gebliebenen Großstädte wie Dresden, Erfurt und Würzburg angreifen, damit sich das Hitler-Regime auf keine unversehrte Großstadt mehr stützen könne.“

Beispiel: So klang der „Londoner Rundfunk“ (die „BBC„) damals im Radio: 2)Quelle des Audiobeispiels: Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Artikel „Sound des Jahrhunderts“ – abgerufen am 14.03.2020

 

Die Würzburger waren gewarnt worden

Bomben wie diese waren es, die Würzburg zerstörten. Die Dauerausstellung im Rathaus wurde 2011 zum Jahrestag neu gestaltet.
Bomben wie diese waren es, die Würzburg zerstörten.

Wenn auch nicht durch den britischen Rundfunk, so ist die Stadt dennoch vor dem Großangriff gewarnt worden. Oder besser gesagt: sie hätte sich gewarnt fühlen müssen. Denn wie bei fast allen Brandangriffen gegen eine deutsche Großstadt hatte die RAF auch in Würzburg den Hauptschlag durch eine Serie von Minen- und Messangriffen vorbereitet.

Zwischen dem 4. und 19. Februar 1945 gab es insgesamt vier Luftangriffe, bei denen alle Stadtteile getroffen wurden und mehrere 100 Menschen starben. Beim letzten Angriff vor der „totalen Zerstörung“ warfen die Bomber zum ersten Mal nicht „nur“ Minen, sondern auch Sprengbomben.

Ebenfalls erstmals markierten sie ihr „Zielgebiet“ auch mit Leuchtbomben. In der Stadt wuchsen damals Spannung und Nervosität. „War das schon der große Angriff?“ mögen sich die Würzburger wohl gefragt haben. Max Domarus  überliefert die Antwort eines Ausgebombten aus dem Rheinland:

Wissen Sie, was das war? Ein letzter Warnangriff auf alle Stadtteile. Der nächste kommt mit Brand. 3)Max Domarus „Der Untergang des alten Würzburg“, Seite 98

Einmarsch der Amerikaner in Würzburg

Nach dem Überschreiten des Rheins drang das XXI. Korps der 7. US-Armee bis Ende März 1945 rasch und ohne nennenswerte Gegenwehr in den mainfränkischen Raum vor. Als sich die Kampftruppen Würzburg näherten, verstärkte sich jedoch der deutsche Widerstand. Um weiter auf die kriegswichtige Industriestadt Schweinfurt vorrücken zu können, musste Würzburg schnell eingenommen werden.

Am 1. April 1945 stießen die ersten US-Panzer bis zum Nikolausberg vor. In der Nacht zum 2. April erreichte das 222. US-Infanterieregiment das Mainufer unterhalb der Festung. Die „Rangers“ stellten fest, dass alle Brücken gesprengt waren. Die deutsche Seite versuchte, am Main eine neue Kampflinie aufzubauen. Dies gelang nur ansatzweise.

Löwenbrücke und Heidingsfelder Brücke – im Hintergrund - sind gesprengt, amerikanische Artillerie und Panzer beschießen vom Nikolausberg aus die Sanderau. (Foto: Nationalarchiv Washington)
Amerikanische Artillerie und Panzer beschießen vom Nikolausberg aus die Sanderau.

Zur Verteidigung Würzburgs konnten insgesamt nicht mehr als 1.500 Mann aufgeboten werden. Es fehlte insbesondere an schwerer Bewaffnung, zur Verfügung standen nur einige Sturmgeschütze und fünf Panzer älteren Typs. Die erbitterte Verteidigung der Stadt wurde offensichtlich angeordnet, um genug Zeit zu haben, zum Osten hin eine neue Verteidigungsfront aufzubauen.

Nach heftigem und konzentrierten Beschuss durch US-Feld- und Panzer-Artillerie griff die 2. Infanteriedivision im Morgengrauen des 3. April massiv mit drei Regimentern an, überschritt den Fluss im Bereich der alten Mainbrücke und rückte am 4. April in die rechtsmainische Stadt vor. Hier leisteten die Verteidiger nachhaltigen Widerstand, für das US-Korps der stärkste seit Überschreiten des Rheins. Nach drei Tagen fiel Würzburg am 6. April in amerikanische Hand.

Im Gegensatz zu Gauleiter Otto Hellmuth, der sich bereits vor der Entscheidung in Richtung Nürnberg abgesetzt hatte, blieb Oberbürgermeister Theo Memmel in Würzburg und kämpfte mit einem von drei Volkssturm-Stoßtrupps in der Randersackerer Straße „aufopfernd aber sinnlos“ gegen die überlegenen Angreifer. Die Würzburger Stadtverwaltung hatte bereits am 2. April die verbliebenen städtischen Gelder nach Schweinfurt überführt und dort im Rathaus deponiert. Ebenfalls an diesem Tag ließ Theo Memmel verlauten:

Wer für den Feind arbeitet, wird gehängt.

Am 6. April 1945 ernannte die amerikanische Militärregierung Gustav Pinkenburg, der – als früheres SPD-Mitglied – unbelastet galt, kommissarisch zum Oberbürgermeister. Mit ihm begann der systematische Aufbau einer lokalen Selbstverwaltung nach demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien. 4)“Stadthistorische Streiflichter“ auf wuerzburg.de von Ulrich Wagner (Auszüge) (Webseite existiert nicht mehr)

Nach dem Krieg – der Wiederaufbau

Die Stadt glühte förmlich noch vom Brand, als die ersten zurückkehrten und mit dem Wiederaufbau begannen. Oberbürgermeister Gustav Pinkenburg sagte in einem Aufruf am 1. Mai 1945:

Würzburg ist nicht tot, Würzburg muss leben, Würzburg muss neu erstehen!

36.845 Menschen waren am 6. Juni 1945 für den Stadtkreis Würzburg gemeldet: 22.407 weibliche und 14.438 männliche Personen. Die Frauen sind die unbeschriebenen Heldinnen im Nachkriegs-Würzburg. Sie räumten Schutt, ernährten Familien und erzogen die Kinder. In den Archiven der Stadt findet man nur wenig über sie. Aber sie waren es, die schaufelten, karrten und hämmerten in der verbrannten Stadt. Zuerst aus freien Stücken, dann im – am 18. Dezember 1945 befohlenen – „Allgemeinen Arbeitsdienst“, ab 8. März 1946 im „Ehrendienst“. Über zwei Jahre vergingen nach dem Angriff, bis das Schutträumen am 2. April 1947 mit einem offiziellen Auftrag von Pinkenburg privaten Unternehmen übertragen werden durfte.

Eine Ruine – ein trostlos ausgebrannter Trümmerhaufen war die Stadt 
Gustav Pinkenburg nach dem Krieg.

Grund für die zweijährige „Wartezeit“ war der Besuch von US-Gouverneur Murray van Wagoner, der kurz nach der Zerstörung die Stadt besuchte. Die Faszination eines Endzeitbildes erfasste den Sohn niederländisch methodistischer Auswanderer. Er glaubte das neuzeitliche Sodom und Gomorrha vor sich zu sehen, den biblischen Sündenfall des Genesis. Der religiöse Gouverneur wollte in den Ruinen der 35 Kirchen gar den Finger Gottes erkennen. Er begann einen Plan für Würzburg als „Freiluftmuseum für Kriegsverwüstungen“ zu entwickeln. Gegenüber Randersacker am Main sollte ein neues Würzburg gebaut werden; das Zentrum sollte hingegen im Ruinenzustand bleiben. Damit stieß Wagoner auf heftigen Protest bei den Würzburgern. 5)Auszug aus: „Die Neckermanns: Licht und Schatten einer deutschen Unternehmerfamilie“  von Thomas Veszelits, Seite 205

Dieser kleine Film (YouTube) zeigt eher selten gesehene Aufnahmen von der Trümmerräumung im Jahr 1946 auf der Juliuspromenade. Nach Dresden und Pforzheim ist Würzburg die am meisten zerstörte Stadt Deutschlands gewesen. Nur 5.000 Einwohner waren ohne jeden Schaden geblieben.

Neun Monate nach dem Angriff registrierte das Einwohnermeldeamt über 50.000 Bürgerinnen und Bürger, die sich in einem Drittel des früheren Wohnraums drängten. 2,5 Millionen Kubikmeter Schutt wurden mit Loren auf Mainkähne geschafft – eine Menge, die als Würfel so groß wäre wie der Residenzplatz und fünfmal so hoch wie die Residenz. Haus für Haus, Straße für Straße wurden wieder aufgebaut. 6)Viele der Daten und Fakten dieser Seite stammen aus einem Faltblatt mit dem Titel „Durch Schutt und Asche hinaus in die Zeit“ das 1995 von der Stadt Würzburg zum 50. Jahrestag der Zerstörung herausgegeben wurde. Weitere Informationen habe ich einem Artikel über die Bombardierung von Würzburg bei Wikipedia entnommen (siehe „Links zum Thema Würzburg und der Zweite Weltkrieg“). Zusätzliche Informationen stammen von den Schautafeln aus der ständigen Ausstellung zum 16. März 1945 im Würzburger Rathaus.

Wie Phönix aus der Asche entstieg die Stadt ihrem „Grab am Main“

Beschriftungen wie diese findet man an vielen Häusern der Stadt. Hieran kann man sehr gut erkennen, wie viele Häuser in der Bombennacht vom 16. März 1945 tatsächlich zerstört wurden.
Wiederaufbau 1949

Noch im Juni 1952 fand man bei Aufräumarbeiten in der Büttnergasse letzte verbrannte Knochenteile. Und erst im Jahr 1964 waren die Trümmerräumungsarbeiten in der Stadt endgültig abgeschlossen. Der tatsächliche Wiederaufbau sollte noch einige Jahre länger dauern. So wurde z. B. der „Alte Kranen“ erst Anfang der 1990er Jahre wieder richtig aufgebaut.

Und auch heute findet man an einigen wenigen Stellen aufgelassene Grundstücke und die ein oder andere Ruine – so zum Beispiel auch noch bis Oktober 2007 in der „Zweiten Felsengasse“ unterhalb der Festung Marienberg (die Ruine wurde durch einen Neubau ersetzt). Der düstere Zustand des Gebäudes lässt erahnen, wie schlimm es damals überall in der Stadt ausgesehen haben muss.

Würzburg als neue Bundeshauptstadt?

Ja – richtig gelesen! Kurz nach dem Krieg gab es kurzfristig Pläne, Würzburg zur provisorischen Bundeshauptstadt zu machen. Grund dafür war unter anderem, dass der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland – Konrad Adenauerauf keinen Fall in Frankfurt am Main regieren wollte. Dort war bereits der Plenarsaal in Planung. Heute befindet sich in dem großen Rundbau in der Bertramstraße das Funkhaus des Hessischen Rundfunks.

Wegen der Lage und Schönheit der Umgebung sowie der guten Eisenbahn und Autobahnverbindungen bot sich stattdessen Würzburg an. Eine Kommission vom Wirtschaftsrat oder einer anderen hohen Stelle – genau ist dies nicht überliefert – kam damals auf eine Rundreise nach Würzburg. Man war entsetzt über die Ausmaße der Zerstörung und ließ die Stadt einige Zeit später mit Bedauern wissen, dass es eben wegen der starken Zerstörung von Würzburg doch nicht klappen würde. Und so wurde Bonn zur ersten Bundeshauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. 7)Informationen aus einer Hörfunksendung des Bayerischen Rundfunks.

Noch heute sichtbare Spuren des 16. März

Noch heute findet man beim genauen Betrachten Spuren aus dem Zweiten Weltkrieg und der Zerstörung von Würzburg. Am besten sichtbar werden diese Spuren natürlich in den wenigen Ruinen, die bis heute noch an manchen Ecken der Stadt zu sehen sind. Zu diesem Thema gibt es eine Extra-Seite in dieser Homepage:

16. März 2020

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16. März 2005

Alljährlich erinnert die Stadt Würzburg in den 20 Minuten des Angriffs durch das Läuten aller Kirchenglocken an die schrecklichen Minuten. Am 16. März 2005 – also dem 60. Jahrestag der Zerstörung – gab es in der Stadt zudem viele weitere Veranstaltungen und Ausstellungen mit Zeitzeugen. Höhepunkt war das „Lichterkreuz“ in der Innenstadt.

Rund 20.000 Würzburger versammelten sich rund um den Vierröhrenbrunnen zu einer beeindruckenden Demonstration von Trauer, Erinnerung und Versöhnung. Viele trugen Kerzen in der Hand, die man für 50 Cent kaufen konnte. Es war minutenlang so still, dass man die sprichwörtliche Nadel hätte fallen hören können. Bayerns damaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber war extra angereist, um eine kurze Rede zu halten. Wenige Minuten später begann das beeindruckende und jährlich an diesem Tag wiederkehrende Glockengeläut aller Kirchen der Stadt.

19. März 2005 – Marsch der NPD in Würzburg und „Bunt gegen braun“

Am 19. März 2005 hatte die rechtsextreme „NPD Würzburg“ zu einem „Trauermarsch und Totengedenken“ eingeladen.

Als Gegenveranstaltung dazu startete ebenfalls am 19. März die Großdemonstration der Religionsgemeinschaften mit dem Titel „Bunt gegen Braun“. Über 7.000 Menschen nahmen nach Polizeiangaben an dieser Demonstration teil, um „ein Zeichen gegen braun“ zu setzen. Würzburgs SPD Bürgermeisterin Marion Schäfer-Blake sagte vor Ort:

Würzburg sagt Nein zu braunen Parolen und Ja zur Versöhnung.

Unterstützt wurde diese Veranstaltung unter anderem von der Universität Würzburg, Ursulinenkloster, Gemeinschaft St. Egidio, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kolpingwerk, Toleranz Fabrik, Kreisjugendring Würzburg, AK Club der lebenden Dichter und anderen.

Eine weitere Demonstration unter dem Motto „Kein Fußbreit den Faschisten“ veranstaltete das „Würzburger Friedensbündnis“. Start mit Auftaktkundgebung war am „Geschwister Scholl Platz“.

Quellenangaben Fotos

Die alten Originalfotos stammen alle aus dem Archiv der Stadt Würzburg bzw. von www.wuerzburg.de. Das Foto vom Straßendreieck Exerzierplatz – Weingartenstraße stammt aus dem Main-Post-Archiv und ist dem Buch „Als vom Himmel Feuer fiel“ auf Seite 125 entnommen. Autor des Buches ist Dieter W. Rockenmaier. Dieses und viele weitere interessante Bücher kann man in der Stadtbücherei Würzburg entleihen.

Quellenangaben[+]

6 Kommentare

  1. somelionsomewitchsomewardrobe

    Danke für diesen traurig spannenden, gut lesbaren Artikel.

    Zu den Legenden rings um die Bombardierung bitte auch die der Eingemeindung Heidingsfelds ergänzen. Auf alliierter Seite waren alle Großstädte, d. H. Mit mehr als 100.000 Einwohnern, als Ziel vorgesehen. Erst die Eingemeindung Heidingsfelds 1930 habe Würzburg damit ins Visier der Bombardierungsplaner gebracht.

    Zu Murray van Wagoner: Er war 1945 nicht mehr Gouverneur.

    Zu den Trümmerfrauen: Der tatsächliche Anteil der Trümmerfrauen bei den Schuttarbeiten wird inzwischen skeptischer gesehen und eher als Mythos betrachtet. Siehe z. B. Leonie Trebers Schriften. https://www.deutschlandfunk.de/truemmerfrauen-studie-wer-deutschland-wirklich-vom-schutt.1310.de.html?dram:article_id=311180

    Interessant wäre auch die Klarstellung, wer den Allgemeinen Arbeitsdienst und Ehrendienst angeordnet hat: Stadtrat und Bürgermeister oder Bezirk, Land, Alliierte?

  2. Heiko Wald

    Recht vielen dank fuer diesen artikel. Es hat sich gut gelesen. Meine Grosseltern( Memmel) hatten uns nicht viel vom krieg erzaehlt. Wir sin in 1950 wieder nach Wuerzburg gezogen und haben in der Sanderau gewohnt.

  3. Thomas Schupp

    Meine Mutter flüchtete bei diesem schrecklichen Angriff am 16.3.1945 in einen Tunnel am Würzburger Hauptbahnhof und konnte so überlegen. Ein paar Sekunden später hätte sie es nicht mehr geschafft.
    Über die Kriegsstrategie der Alliierten, Städte mitsamt der Zivilbevölkerung zu bombardieren, kann man sicherlich diskutieren. Dann sollte aber auch darüber gesprochen werden, wie es soweit kommen konnte, dass die Nazi-Diktatur errichtet werden konnte.
    Der Schwur von so Vielen: Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg! muss leider immer wieder aktualisiert in des Bewusstsein der Menschen gebracht werden, wie die heutige Weltlage zeigt.

  4. Emil Klein , Florida, USA

    Bin am 4 April 1933 in Wuerzburg geboren,and bin in der Valentin Becker Str. aufgewachsen.Nach den Bombenagriff haven wir den Keller verlassen and verbrachten den rest der Yacht an der Ecke vom Letzten Hieb.Am naechsten Morgen gingen wir zurueck zu unserem Haus, and fanden nur eine Ruine.

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